Angenommener Förderantrag BORDERLAND (2025) – Auszug
Projekttitel: BORDERLAND
Künstler*innen: DETOX
3 Veranstaltungen mit Improvisierter Musik/Klangkunst/Performance.
[…]
Wir arbeiten mit dem von uns entwickelten Setup bestehend aus vernetzten,
nur gemeinsam zu bedienenden Transducer-Lautsprechern, E-Gitarre, Keyboard,
Schreibmaschine, Stimme und verschiedenen Resonatoren. Das Setup ermöglicht
es, die Vorgänge von Impulsgebung und Resonanz, z. B. das Anzupfen einer
Saite und ihr Erklingen in einem Resonator voneinander so weit zu entkoppeln,
dass sie von verschiedenen Spieler*innen bedient werden müssen – eine Übung
im Teilen von Verantwortung angesichts von Hyperindividualismus und der Krise
demokratischer Aushandlungsprozesse.
[…]
2025 Geplantes neues Projekt – BORDERLAND
Eines der Ergebnisse der Arbeit des letzten Jahres ist ein Setup, in dem die
Grenzen zwischen den Identitäten der Performer*innen auf eine Art verwischen.
Es ist ein gemeinsames, vernetztes Instrument entstanden, bestehend aus
Mikrofonen, Resonatoren und Transducer-Lautsprechern. Die Performer*innen
sind imstande, das Instrument aus beliebiger Position zu bespielen und den
Klang des*der jeweils Anderen zu beeinflussen.
Die Arbeit mit diesem Setup setzt die Bereitschaft zum Kontrollverlust
voraus, die Verantwortung muss geteilt werden. Wir wollen die traditionelle
Arbeitsteilung, bei der jede*r für sein/ihr Instrument verantwortlich ist,
durchbrechen und die Frage stellen, welche Formen der Musikproduktion unter
solchen Voraussetzungen entstehen.
Maja von Kriegstein
Ich spiele bei Detox mit einem Setup aus Alltagsgegenständen, kleinen
traditionellen Instrumenten, Stimme und Elektronik. Die Neuaufstellung
meines instrumentalen Setups im Gegensatz zu den Instrumenten, die ich
gelernt habe, fordert mir das Durchbrechen und Erweitern meiner
Konventionen als Instrumentalistin / improvisierender Musikerin ab –
klanglich, dramaturgisch und kommunikativ.
Anton Vasilyev:
Mein Teil unseres Setups ist eine E-Gitarre, die lediglich über einen
Transducer-Lautsprecher verstärkt wird, Metallstäbe und Resonatoren.
Wahrscheinlich dadurch, dass ich in erster Linie Komponist,
Klangkünstler und Ingenieur bin und nicht in bestimmten Spieltechnik
trainierter Instrumentalist, benutze ich das Setup eher als ein in sich
rückkoppelndes Resonanzsystem.
Aufgrund der Verschiedenheit unserer jeweiligen Setups, Klänge, Erfahrungen
und Backgrounds ist es manchmal herausfordernd, das “eigene” Material in das
gesamte Klanggewebe des Duos einzubinden. Wenn es uns gelingt, das richtige
Timing und Energie zu finden, damit sich die Klänge gegenseitig ergänzen,
2entsteht für eine kurze Zeit auf kommunikativ-musikalischer Ebene ein
“Resonanzraum”. Wir kommen aus einer Session heraus und stellen fest, es hat
funktioniert: Klangsuche, Kommunikation, Timing, Teilung der Verantwortung,
Verlust der Kontrolle – ein Moment, der unter den Bedingungen unserer
jeweiligen Begrenztheit entsteht und uns zugleich ermöglicht, diese Grenzen
zu überwinden.
Es läge an dieser Stelle nahe, vor allem im Kontext eines Förderantrags,
dieses Setup als unser Alleinstellungsmerkmal zu inszenieren. Das
widerspräche aber dem zentralen Anliegen, das mit unserem Projekt verbunden
ist: Wir suchen genau nicht nach Alleinstellungsmerkmalen für uns selbst oder
unser Ensemble, sondern, so wie viele andere unserer Kolleg*innen auch, nach
einer zeitgemäßen Form von Vernetzung. Sie wird gegenwärtig z. B. im
posthumanistischen Diskurs als intra-action beschrieben und schlägt sich in
künstlerischen Projekten wie Hyphemind (eclat festival Stuttgart 2022)
nieder, worüber Matthias Rebstock in der Ankündigung schreibt: Der “Zugriff
auf den Kosmos der Pilze besteht in der Feststellung, dass das menschliche
Leben und Denken die Welt an den Abgrund gebracht hat und wir von den Pilzen
lernen sollten. Aber das symbiotische Denken, das konträr zur
individualistisch-kapitalistischen Logik steht, ist uns noch fremd und
widerspricht unserer Konditionierung auf immer ausgefeiltere
Individualisierungsstrategien.”