2019: Abgelehnter Förderantrag für BAM! (Auszug)

An
Zeitgenössisches Musiktheater Berlin e.V.
c/o Roland Quitt

DETOX: GELDWÄSCHE
Ausführliche Beschreibung

DETOX: GELDWÄSCHE // Idee

Das Geld zwingt das sich Widersprechende zum Kuss.
(Karl Marx)

Wir leben im Zeitalter des globalen Kapitals: Geld entscheidet alles. Niemand kann
sich seiner omnipräsenten Macht entziehen, sei es ein Milliardär oder ein Obdachloser;
zugleich gäbe es auch ohne Geld keinen Unterschied zwischen den beiden: Geld
unifiziert und trennt. Geld ermöglicht und verhindert. Geld ist gleichzeitig materiell und
transzendent. Vor allem aber ist Geld dreckig. Es hat Flecken von Kolonialismus, Kriegen,
Ausbeutung, Genozid. Diese Aura ist dem Medium unverzichtbar. Wir fassen es täglich
an. Wir waschen unsere Hände. Das Geld bleibt dreckig. Wir machen Kunst.
Als ein Teil des globalen Marktes ist der Kunstmarkt einer von vielen Filtern der
Geldzirkulation. Die Mittel, die im Rahmen des staatlichen Kulturauftrages zur Förderung
der Kunst ausgegeben werden, sind von den Widersprüchen, die dem Geld inhärent
sind, nicht frei. Woher kommt das Geld? Sind selbst die kritischsten Arbeiten der Kunst
einfach schlicht Geldwäsche?
Im Rahmen unserer Arbeit möchten wir das Publikum auf diesen Aspekt des Kunstmarktes
aufmerksam machen. Wir möchten die Widersprüchlichkeit des Verhältnisses zwischen
Kunst und Geld thematisieren und dadurch kritisches Denken fördern. Dafür bieten wir dem
Festival den Service der GELDWÄSCHE ALS KLANGINSTALLATION / PERFORMANCE
an. Das Waschen wird dabei zugleich als klangliches wie auch als performatives Ereignis
komponiert und inszeniert.

DETOX: GELDWÄSCHE // Denkbare Formate
Je nachdem, in welchem Ausmaß der kuratierenden Jury das Waschen von Geld aus
öffentlicher Hand klanglich und moralisch notwendig erscheint, sind dabei verschiedene
Formate denkbar:
Als simpelste Variante könnten wir in Form (a1) einer kurzen Late Night kleinere
Münzbeträge von Hand waschen, z.B. unsere eigene Abendgage. Wir wären aber auch
bereit, über die Dauer des gesamten Festivals an verschiedenen Orten (a2) die manuelle
Geldwäsche als mobilen Service mit drei Fahrrädern und einem Anhänger anzubieten,
z.B. auch für Zuschauer*innen, die uns aus ihren Portemonnaies ihr Geld zum Waschen
übergeben möchten.
Falls eine darüber hinaus gehende Nachfrage besteht, d.h. der Wunsch, größere Mengen
Geldes aus öffentlichen Mitteln zu reinigen, z.B. von den Widersprüchlichkeiten der
Steuereinnahmen aus deutschen Waffenexporten, würden wir mit dem (b2) Waschsalon
Torstraße 115 (14 Waschmaschinen, 8 Trockner) oder mit dem (b3) Ankleideraum der
Volksbühne (4 Waschmaschinen, 4 Trockner) kooperieren.
Wenn gewünscht und finanzierbar, können wir uns auch vorstellen, mit Hilfe zusätzlicher
Performer*innen das gesamte Festivalbudjet von 90 000,- €, das sind etwa 5 Kubikmeter
1- Euro-Münzen, in Form einer (c) Performance / Komposition auf einer der größeren
Bühnen in mehreren manuellen und maschinellen Waschgängen zu reinigen.

DETOX: GELDWÄSCHE // Umsetzung

(a1) Late Night
Format: Kurze Performance
Dauer: 20’ – 30’
Anzahl der beteiligten Performer*innen: 3
Ort: eine(r) der kleineren Räume/Bühnen (z.B. AckerStadtPalast, Roter Salon o.ä.)
Ausstattung: einfach. Eimer, Bürsten, Waschbretter, Zahnbürste, Poliertücher,
Arbeitskleidung, evtl. eine antike Waschmaschine der Firma Miele (Wert ca. 800,-
Euro, Baujahr ca. 1903 aus privatem Bestand) + Elektronik und Instrumente (ebenfalls
aus privatem Bestand).
Kosten: 1000,- € (+ Eigenmittel, u.a. antike Waschmaschine)
Beschreibung: Drei Performer*innen waschen kleinere Münzbeträge von Hand, beispielsweise
ihre eigene Abendgage. Mehrere Waschgänge sind geplant: Einweichen, grob mit
Waschbrettern, fein mit Bürsten, sehr fein mit Zahnbürsten etc. Die leiseren Geräusche
werden elektronisch verstärkt.

(a2) Mobiler Service / manuell
Format: Dauerperformance
Dauer: an 4 Tagen jeweils ca. 3 Stunden
Anzahl der beteiligten Performer*innen: 3
Ort: Kassenbereiche der jeweiligen Veranstaltungsorte, Raucherbereiche. Evtl. kann
man den Service nicht nur den Besucher*innen von BAM! anbieten, sondern auch
Passant*innen auf den Wegen zwischen den Veranstaltungsorten.
Ausstattung: einfach. Eimer, Bürsten, Waschbretter, Zahnbürste, Poliertücher,
Arbeitskleidung, evtl. eine fahrbare antike Waschmaschine der Firma Miele (Wert
ca. 800,- Euro, Baujahr ca. 1903 aus privatem Bestand) + Elektronik und Instrumente
(ebenfalls aus privatem Bestand). Dazu 3 private Fahrräder, eines davon mit Anhänger,
sowie Klapptische oder Böcke + Platte. Evtl. Flyer von BAM!
Kosten: 3000,- € (+ Eigenmittel)

Beschreibung
Drei Performer*innen fahren mit Fahrrädern zwischen den verschiedenen Standorten
des Festivals hin und her. Im Kassenbereich, in Vorräumen, bei gutem Wetter auch auf
der Straße werden kleine Klapp-Waschtische aufgebaut und Münzen gesäubert. Die
leiseren Geräusche (z.B. Zahnbürsten) werden elektronisch verstärkt.
Wir bieten diesen Service allen an, die uns aus ihren Portemonnaies ihr Geld zum
Waschen übergeben möchten.
Die Waschgänge unterscheiden sich an den verschiedenen Festivaltagen. An jedem
Tag führen wir neue Waschgänge durch (Einweichen, grob mit Waschbrettern, fein mit
Bürsten, sehr fein mit Zahnbürsten etc.), sodass auch Besucher*innen, die mehrmals zu
BAM! kommen, ein breites Repertoire musikalischer und performativer Inhalte erleben
können.
Es ist durchaus denkbar, diese Performance nicht nur rund um das Festival
durchzuführen, sondern als mobilen Service in der Stadt auch an zusätzlichen Orten in
Mitte anzubieten. Dabei entstünde der Nebeneffekt, dass die Gruppe Detox während
des Festivals mit Flyern für BAM! Werbung machen könnte.

(b1) Klanginstallation im Waschsalon Torstraße 115
Format: Klanginstallation
Dauer: Flexibel, mind. 2 Stunden pro Tag
Anzahl der Beteiligten: 3 Betreuer*innen, 2 Mitarbeiter*innen des Waschsalons/
Cafés, 1 Ausstatter*in (Kostüm, Lichtkonzept)
Ort: Waschsalon Torstrasse 115
Kosten: 3200,- € (+ Eigenmittel)
Beschreibung
Im Waschsalon/Café Torstraße 115 werden Münzen (z.B. von den Besucher*innen
des Waschsalons) in den dort vorhandenen Waschmaschinen gewaschen. Durch die
Simultanität von mehreren Waschvorgängen entsteht eine Polyphonie des Waschens:
Spülen, Schleudern, Abpumpen usw. überlappen sich. Diese Version hat einen stark
ausgeprägten installativen Charakter.
Stand der Recherche
Im Waschsalon Torstraße 115 befinden sich 14 Waschmaschinen, 8 Trockner und ein
Café.
Kontakt zum Betreiber besteht. Wenn diese Version der Geldwäsche von der Jury
gewählt wird, kann ein Konzeptionstreffen vereinbart werden.
Anmerkung
Wenn die Kooperation mit dem Waschsalon nicht zustande kommen sollte, wechseln
wir zur Version (a2) Mobiler Service / manuell.

(b2) Klanginstallation/Performance im Ankleideraum der Volksbühne
Format: Klanginstallation/Performance
Dauer: pro Tag 10 x 20’
Anzahl der Beteiligten: 3 Performer*innen (Betreuung), 2 Mitarbeiter*innen der
Volksbühne, 1 Ausstatter*in (Kostüm, Lichtkonzept)
u: Ankleideraum der Volksbühne
Ausstattung: N.N. in enger Absprache mit Frau Köhler
Kosten: € 3800 (+ Eigenmittel)
Beschreibung
Auch diese Version hat einen installativen Charakter. Im Ankleideraum der Volksbühne
werden (analog zu b2) Münzen gewaschen. Das Involvieren von Performer*innen, die
zusätzlich Geld von Hand reinigen, ist möglich. Die Entscheidung darüber muss aber in
Absprache mit den Mitarbeiter*innen der Volksbühne getroffen werden (siehe unten).
Stand der Recherche
Im Ankleideraum der Volksbühne befinden sich 4 Waschmaschinen und 4 Trockner,
sowie ein relativ großer Aufenthaltsbereich für die neun in Schicht arbeitenden
festangestellten Mitarbeiter*innen der Kostümabteilung. Detox hat Kontakt zu Frau
Köhler (Chefin) und Frau Schirra (Ankleide) aufgenommen. Bisher gab es noch keine
Performances mit Publikum in diesen Räumen. Falls sich die Jury für diese Version
entscheidet, würden wir mit den Mitarbeiter*innen der Volksbühne gemeinsam an
einem unter den gegebenen Bedingungen realisierbaren Format arbeiten. Dabei
wären folgende Fragen zu klären: Sicherheit der Besucher*innen, Regelungen für
das Betreten der nur für Personal zugänglichen Räume der Volksbühne, Schutz der
persönlichen Arbeitsräume, Schutz der Maschinen etc.
Anmerkung
Wenn die Kooperation mit der Kostümabteilung nicht zustande kommen sollte,
wechseln wir zur Version (a2) Mobiler Service / manuell.

(c) Performance auf einer der größeren Bühnen
Format: Performance, Komposition
Dauer: 60 – 80 Min.
Künstlerische Leitung, Komposition, Inszenierung: Detox (Vinicius Giusti, Maja von
Kriegstein, Anton Wassiljew)
Die Beteiligten: Mykoriza, Ensemble MaNN AUS OBST (insgesamt 7 Personen), 1
Ausstatter*in (Bühne, Kostüm, Lichtkonzept), Sicherheitskräfte (Aufsicht des Geldes).
Ort: Einer der größeren Räume (z.B. Foyer der Sophiensaele o.ä.).
Ausstattung: 1–5 Kubikmeter 1-Euro-Münzen auf Paletten, Eimer, Bürsten, Waschbretter,
Zahnbürste, Poliertücher, Arbeitskleidung, eine antike Waschmaschine der Firma Miele
(Wert ca. 800,- Euro, Baujahr ca. 1903 aus privatem Bestand) + Elektronik, Video und
Instrumente (ebenfalls aus privatem Bestand).
Kosten: 15 000,- €, davon 5000,- € Eigenmittel bereits gesichert, zuzüglich Probenraum,
Infrastruktur und technische Betreuung vom Theater unterm Dach für 4 Wochen
(Zeitraum der Stückentwicklung) im Wert von ca. 4000,- €.
Beschreibung
Diese Form der Geldwäsche findet auf der Bühne statt. Komposition, Improvisation
für eine Waschmaschine und Instrumentalist*innen unter Einbeziehung von Audio und
Video. Kollektives Komponieren. Mehrere Waschgänge sind geplant: Einweichen,
grob mit Waschbrettern, fein mit Bürsten, sehr fein mit Zahnbürsten etc. Die leiseren
Geräusche werden elektronisch verstärkt.
Diese Version würde uns ermöglichen, zusätzlich zu den traditionellen Mitteln der
Geld- und damit der Gewissenswäsche (Hypnose, Spülmittel und Autosuggestion) auch
alternative Reinigungstechniken zum Einsatz zu bringen: Farb-, Aroma-, Paartherapie
Mensch und Geld, Massage.

Erläuterung zu den Beteiligten
Das Projekt findet in enger Zusammenarbeit von der Künstlergruppe Mykoriza und
dem Ensemble MaNN AUS OBST statt. Die beide Gruppen verbindet die Idee des
kollektiven Arbeitens in Komposition, Improvisation und Inszenierung.
Erläuterung zur Stückentwicklung
Dieses Projekt wäre eine Kooperation von BAM! mit dem Theater unterm Dach,
da der gesamte Proben- bzw. Stückentwicklungsprozess auch auf der dortigen Bühne
stattfinden würde. Dazu gehören auch drei Voraufführungen im TUD in einem kleineren
Maßstab (ohne große Geldmengen, Security etc.)
Stand der Recherche
Es ist möglich, sehr große Mengen Kleingeldes für ein paar Tage aus einer Bank
auszuleihen. Die Deutsche Bundesbank wäre bereit, gegen eine Gebühr von 500,- €
eine Summe von 90 000,- € in 1-Euro-Münzen auf Palletten zur Verfügung zu stellen.
Das sind etwa 5 Kubikmeter.
Denkbare Geldquellen
• das gesamte Festivalbudget vom BAM!
• Privatkredite der Gruppe Detox: 40 000, – € (≈ 2.5 Kubikmeter 1-Euro-Münzen auf
Paletten)
Die Zahlen, mit denen wir hier arbeiten, klingen möglicherweise vollkommen
übertrieben. De facto waschen wir aber, wenn wir 100 000,- € reinigen, nicht einmal
ein Prozent der Erlöse aus deutschen Waffenexporten im Jahr 2019